Charmoffensive von oben in den Quadraten

Wer am Samstag im Parkhaus N2 ganz hoch aufs Dach stieg, befand sich in einer anderen Welt. Auf der Fläche mit Blick über die Quadrate parkten die  Besucher mal ganz autofrei und relaxed. Die  dritte Wiederauflage des Mannheimer Dachfestivals war fällig und wird – so hoffen die Teilnehmenden auch 2027 wiederholt. Das Orgateam mit Valentin von der Haar und Anne Lamprecht (over and odd, Studio für Stadtentwicklung, Szenographie und Grafikdesign) war hochzufrieden. „Der Zuspruch war unglaublich, das Wetter echtes Dachfestivalwetter“, sagt von der Haar. „Die Dachfestivalszene ist kreativ und reagiert schnell und zuverlässig, eingeschlossen die Mannheimer Parkhausbetriebe“, lobte der Organisator.

Bürgermeister Thorsten Riehle eröffnete das dritte Dachfestival. Er sagte schon länger beschäftige man sich mit der Frage, wie die Innenstadt abseits von Einkaufsmöglichkeiten attraktiver gestaltet werden könne. Das Dachfestival sei eine hervorragende Möglichkeit, Stadtraum kreativ zu nutzen. Damit war er auch schon mitten im Werkstattgespräch, bei dem es um die Möglichkeiten neuer Nutzungen von Dachflächen ging.

Die kleine Theke, die Ting Thanasak, Geschäftsführerin des Mémoires D’Indochine, aufgebaut hatte, bot Sommerrollen und kalte Getränke an. Thanasak fand es „großartig wie später beim Getränkenachschub die Gemeinschaft funktionierte“. Darin liegt vielleicht auch das Geheimnis, wenn Dächer zum Aufenthaltsort werden. Weg vom Großstadttreiben, in entspannter Atmosphäre, gemeinschaftsorientiert und trotzdem mittendrin.

Spontane  Gemeinschaftsaktionen wie Aufbau und Transport von Mobilar gehören auch zu den logistischen Herausforderungen eines Dachfestivals. Umso schöner, wenn die Stimmung die Mühen belohnt. Durchgängig hörte man Gelächter oder Gesprächsfetzen in kleinen Liegestuhlrunden. Das vergnügliche Nebeneinander der verschiedenen Grüppchen war spürbar: ob sich die Gäste an der Tischtennisplatte auspowerten oder an der Nähmaschine bei der Upcycling MA:fia, bei der RecycleBar mit  PPablo und auch musikalisch zum Start mit dem Gaß Holloway Duo und dem *STERN*Hagel-Kollektiv, bei Monnemer Tracks, dem Dachlabor und der  Bibliothek der Dinge.  Mitmachen war überall die Devise, was die Besucher mit Freuden nutzten. Die Musik war dank der großartigen Arbeit von Erik Steinle von CASTOR Veranstaltungstechnik Genuss pur.

Jede Ecke des Parkdecks wurde genutzt.
Musik auf dem Parkdeck
Dman, der DJ nach Sonnenuntergang
Thilo Eichhorn von Monnemer Tracks

Petar Drakul, Innenstadtbeauftragterund Projektleiter von FutuRaum, war über den Ansturm hoch erfreut, auch wenn „wir am frühen Abend richtig in Stress waren, alle Gäste mit Getränken zu versorgen. Doch da funktionierte die Dachgemeinschaft beim Getränkeholen.“ Der Anblick an diesem Tag bei noch fast Vollmond und einem klaren Abendhimmel belohnte alle, die auf N2 dabei waren. Viele hielten es lange aus.

Das Festival Das Festival endete pünktlich um 22 Uhr in guter Laune mit der Musik, die DJ-Legende Dirk Mantei aka. DMan auflegte. „Mit seinem musikalischen Gespür und seiner langjährigen Erfahrung findet er immer die richtige Dramaturgie.“, sagte Frank Zumbruch, der ab 19.30 Uhr in die Tanz-Community eintauchte.
Und auch, wenn diese Angebote noch nicht zum Alltag von Mannheim gehören, war an diesem Tag „die Stimmung Mega und sooo entschleunigend“, wie Yordanka Rotta (Freie Innenarchitektin, Gründerin von Aboutlama Interior Architects und stellvertretende Vorsitzende der Kammergruppe Mannheim ) feststellte. Sie moderierte das Werkstattgespräch der Architektenkammer Baden-Württemberg, Kammergruppe Mannheim. Mit von der Partie: Belen Zevallos (SRH Hochschulen Heidelberg), Thierry Nolmans (Drees & Sommer / Commit2Green), Daniel Schönle (Architekt und Stadtplaner BDA, OLA – Office for Living Architecture) und Petar Drakul. die gemeinsam mit Yordanka Rotta über die Zukunft der „fünften Fassade“.

Werkstattgespräch. Von lins. Petar Drakul, Daniel Schönle, Yordanka Rotta, Belen Zevallos, Thierry NOlmans
So fühlt sich Dachfestival an: einfach relaxed.
Kaffee gefällig? Den gabs bei ALMA Coffee & Matcha Cart.
Recyclebar von PBABLO
MItmachen und Relaxen: für jeden war etwas dabei. Fotos: Jan-Eric Rauch
*STERNHAGEL*-Kollektiv
Klang mit Monnemer Tracks

Ein zentrales Ergebnis des Gesprächs war für Miray Barlak, Projektleiterin von Multiroofs, dass künftig multifunktional gedacht werden müsse und nicht nur monofunktionale Flächten betrachtet werden dürften. Begrünung, Biodiversität, Verschattung und Wasserspeicherung sollten dabei ebenso integriert werden wie energieerzeugende Systeme und gegebenenfalls Nutzgärten. Gleichzeitig können auf solchen Dächern neue Aufenthalts- und Erlebnisräume entstehen, etwa für Kinderspiel- oder Sportangebote. Dächer bieten sich als Orte der Begegnung und der Entschleunigung an. Deutlich wurde auch: Dachräume sollten die künftigen Nutzer*innen mitgestalten.

Grandiose Sicht von Dach zu Dach an einem klaren Spätsommertag. Fotos: Jan-Eric Rauch
Können an der Nähmaschine
Gemütlich und gut gelaunt
Kreativität mit Bannern

Mit dem „Mannheimer 3-Ebenen-Modell“ wurde der Blick anschließend auf das Zusammenspiel von Dach, Fassade sowie Straße und Erdgeschoss erweitert: Nur wenn alle Stadtebenen berücksichtig sind, entstehen  klimaresiliente und lebenswerte Stadträume, die so zu einem besseren Klima in der Innenstadt beitragen. Und wie wäre es mit einer Verbindung über die Quadarate und Straßenzüge hinweg? Zum Beispiel von N1 nach N2. Auch das wurde angesprochen.

Neben Ideen sind die Mittel nötig. „Das ist viel Überzeugungsarbeit und auch Know-how, wie die Frage der Statik, der Zugänge und der Mithilfe der Eigentümer*innen. Petar Drakul berichtete von laufenden Projekten, bei denen Eigentümer*innen bereits engagiert mit dabei sind.

Das Resumée: die Zukunft der Innenstadt hat viele Dimensionen. Neben Neubauten eröffnen vorhandene Räume – Begegnungsorte bis hinauf zur fünften Fassade. Das Dritte Dachfestival war der gelebte Beweis.
Die Fotos stammen von Jan-Eric Rauch.